<< Jubellieder erschallen - "Das rockt, Mann!" | Übersicht | Ein Mann der Visionen >>
Geislinger Zeitung
|
Autor: CLAUDIA BURST | 03.04.2010
|
|
Der Engel aus Geislingen
Geislingen. "Wenn Sie die Leute haben, ich hab die Lebensmittel" - mit diesen Worten begann das erfolgreiche Projekt "Frühstück für Bedürftige" in der Volksmission. Dahinter steckt Eliesa Hofmann.

Ein wahrer Engel: Eliesa Hofmann hilft Armen und
Schwachen, nicht nur mit Lebensmitteln. Foto: cb
Offene Augen, ein liebevolles Herz und Organisationstalent sind die "Gaben" von Eliesa Hofmann. Dass die Geislingerin diese zum Wohl von Mitmenschen einsetzt, die am Rand der Gesellschaft leben, denen das Schicksal übel mitgespielt hat oder die einfach verzweifelt sind, war lange Jahre nicht abzusehen und wurde ihr mit Sicherheit nicht in die Wiege gelegt.
Denn die 69-Jährige wuchs selber in chaotischen Verhältnissen in einer deutschen Enklave im heutigen Kroatien auf. Als sie fünf Jahre alt war, verfrachteten die Jugoslawen die Deutschen in ein Lager und verboten ihnen, in ihrer Muttersprache zu reden. Dort starb ihre Mutter an Tuberkulose. Der Vater fing zu trinken an.
Zehn Jahre später emigrierte die Jugendliche mit Vater, Stiefmutter und Bruder nach Deutschland. Ein Jahr lang durfte sie die Geislinger Hauswirtschaftsschule besuchen, doch dann hielt ihr Vater sie - Eliesa war gerade 16 - für alt genug, "eigenverantwortlich" zu leben und mietete ihr ein Zimmer. Deshalb musste sie beginnen zu arbeiten.
Sie fand eine Stelle als Verkäuferin in einem Lebensmittelladen, lernte zwei Jahre später ihren Mann Peter kennen und bekam drei Kinder. Ihr Lebensziel schien erreicht.
Doch als Eliesa Hofmann 29 Jahre alt war, erlebte sie etwas, das die Christen eine "Wiedergeburt" nennen: Sie lernte, wie sie sich ausdrückt, "Jesus persönlich kennen", und ein neues Leben fing für sie an. Dabei änderte sich anfangs äußerlich nicht viel. Sie betete um Gottes Führung und kümmerte sich nach wie vor intensiv um ihre Familie, um Haus und Garten. Doch im Lauf der Zeit erkannte sie die Not im Kleinen, in der Nachbarschaft, der direkten Umgebung und half, wo sie konnte. Auf diese Weise ging sie auch einem 86-jährigen Senior zur Hand. Diesem wuchs sie derart ans Herz, dass er sie sogar adoptierte. Als dies geschah, war sie bereits 56 Jahre alt.
Es war 1991, als der Anruf von Bekannten aus Kroatien kam, die sie im Jugoslawien-Urlaub kennengelernt hatten. Die waren vor dem Balkan-Krieg geflohen und fragten verzweifelt um Hilfe. Ohne zu zögern boten die Hofmanns den Flüchtlingen Unterkunft in der eigenen Wohnung an. Eineinhalb Jahre lang wohnte die erwachsene Tochter der Bekannten im Endeffekt mit im Haus. Durch sie und ihren Vater erfuhr "Lissy", wie sie liebevoll von ihren Freunden genannt wird, von den schrecklichen Zuständen in den ex-jugoslawischen Kriegsgebieten.
Anfangs im eigenen Hausbestand, später bei Bekannten suchte sie nach Gegenständen, die die erste Not lindern könnten und fand auch jemanden, der die Hilfsgüter mit Auto und Hänger in die Stadt Osijek lieferte. Als dieser die Zustände schilderte, vom zerbombten Krankenhaus erzählte, gab es für Eliesa Hofmann kein Halten mehr. Sie sammelte Federbetten und Lebensmittel, sprach Geschäftsleute an, organisierte regelmäßige Hilfslieferungen anfangs nach Kroatien, später auch nach Bosnien.
Bis heute stapeln sich in ihrer Garage und im Treppenhaus Kinderfahrräder, Schuhe und Kartons mit Kleidern für Waisenhäuser im Osten Europas, die sie jedoch inzwischen über die Organisation "Brot des Lebens" an Bedürftige weitergibt.
Warum nimmt sie all die Mühen auf sich, wird die bescheidene Frau immer wieder gefragt. "Ich kann nicht anders", sagt sie dann, "wenn man mal angefangen hat zu helfen, kriegt man immer mehr mit. . ."
So war es, als sie von den fünf angolanischen Kindern in Geislingen hörte, deren Mutter sie einfach sitzengelassen hatte. Sie unterstützte die Nachbarin der Kinder, die sich um diese kümmerte und fragte auch Bäcker um Hilfe. "So fing alles an", erinnert sich die gepflegte, quirlige Frau.
Über ihre Enkelin erfuhr sie von deren Klassenkameradin, die Hundefutter als Vesper mit in die Schule bekam, und wurde auf diese Weise nach und nach mit der Not in der eigenen Heimatstadt konfrontiert.
Als das "Kaufland" eröffnete, sprach sie dessen Filialleiter auf Lebensmittel an, die "eigentlich noch gut, aber aus gesetzlichen oder verkaufstechnischen Gründen nicht mehr verkauft werden dürften" - und sah sich plötzlich großen Mengen an Esswaren gegenüber. Zuerst verteilten sie und ihre Familie die Lebensmittel an kinderreiche Bekannte und deren Bekannte und weiteren, bis der Aufwand absolut zu viel wurde.
Deshalb wandte sich Eliesa Hofmann an ihren Pastor, Bernhard Röckle, mit den Worten: "Wenn Sie die Leute haben, ich hab die Lebensmittel. . ." Damit initiierte "der Engel aus Geislingen" das erfolgreiche "Frühstück für Bedürftige", mit dem die Volksmission inzwischen bis zu 150 Menschen in der Woche erreicht. Diese Leute aus Geislingen und Umgebung sind dankbar für die Gemeinschaft, aber vor allem für die Kisten voller Salat, Gemüse, Saft, Brot, Milch, Joghurt und vieles mehr, die sie im Anschluss an das Frühstück für ihre Familien geschenkt bekommen.
Während Eliesa Hofmann und ihr Ehemann jeden Tag unterwegs sind, um die aussortierten Waren bei Supermärkten, Bäckern und Metzgern abzuholen, kümmert sich in der Volksmission Gabriela David mit ihrem rührigen Team um die gerechte Verteilung.
"Ohne Gottes Hilfe wäre das alles nicht möglich gewesen", sagt die Oma von drei Enkelkindern mit Überzeugung. "Er hat mir die Richtung gezeigt, die Wege geebnet und mir durch persönliche Notzeiten so kraftvoll durchgeholfen, dass ich einfach nur dankbar bin."
Copyright by SÜDWEST PRESSE Online-Dienste GmbH - Frauenstrasse 77 - 89073 Ulm